Veruschka und ihr Verleger waren so freundlich und haben mir erlaubt, einige Leseproben aus Ihrem Buch “Fixierte Gedanken – Eine Kurzgeschichte der Schrift, des Alphabets, der Zahlen und Ziffern” zu veröffentlichen. In der ersten Folge findet Ihr eine Leseprobe zur Schriftgeschichte. Im weiteren werde ich noch die Kapitel zum “i” bzw. “j” und zum “u” bzw. “v” posten. Dabei will ich dem Leser kein “X” für ein “U” vormachen. Woher diese Redewendung kommt findet man übrigens auch in dem kleinen Büchlein.
… Neuerung in der Textura war ab dem 14. Jh. der Gebrauch des »i-Punktes«, der damals noch kein Punkt, sondern ein schräg gesetzter Strich oberhalb des Buchstabens war. Mit diesem Prinzip konnte das »i« klar in dem gitterartigen Schriftbild kenntlich gemacht werden.
Neben der Buchschrift Textura entwickelten sich fast parallel zwei Handschriften, die »Gotische Minuskel« und die »Bastarda«, die flüssiger und schneller zu schreiben waren.
Eine ganz eigene Entwicklung vollzog sich aber im 14. Jh. in den südlicheren Ländern, insbesondere in Italien, denen der düstere und schwere Stil der Textura misshagte. Man brachte die Schrift mit dem ungeliebten Germanenvolk, den »Goten«, in Verbindung, die in der Spätantike das Römische Reich beherrschten. In der Universität in Bologna entwickelte man die leichter anmutende rundgotische Rotunda mit ihren breit laufenden Buchstaben und runden Formen. Diese Entwicklung, weg vom gebrochenen Stil, konnte sich in Südfrankreich und bis nach Spanien ausbreiten.
Im 14. Jh. machte sich in Italien aber noch eine weitere Entwicklung breit: Der Renaissance-Humanismus, der sich der Wiederbelebung der Ideale des klassischen Altertums widmete, weg von der vorherrschenden Scholastik mit Gott als lenkender Instanz, hin zum Menschen als Zentrum seiner eigenen Lebensgestaltung.
Vorangetrieben wurde diese Bewegung maßgeblich von dem Poeten und Vater des Humanismus, Francesco Petrarca (1304–1374), indem er die antike römische Kultur und vor allem Literatur, z.B. des römischen Philosophen Cicero (106–43 v. Chr.), neu belebte und zur Verbreitung brachte.
Beim Aufspüren der lange vergessenen antiken Texte wurden die Humanisten in den Klosterbibliotheken fündig. Die hier verwahrten miıelalterlichen Abschriften von viel älteren Abschriften waren meist in in der karolingischen Minuskelschrift geschrieben, denn unter Karl dem Großen gab es ähnliche Bestrebungen, sich den antiken Texten zu widmen. Die Humanisten schrieben diese Texte zu ihrer Verbreitung neu ab und imitierten dabei die karolingische Minuskel unter Einfluss der Formensprache der in Italien gebräuchlichen Rotunda. Es wird vermutet, dass die Humanisten beim Kopieren der Handschriften der irrigen Annahme waren, es handelte sich bei den vorgefundenen Schriften um alte, römische Abschriften. Von diesem Umstand lässt sich die heute übliche Begrifflichkeit der »Antiqua-Schrift« ableiten …
Veruschka Götz ist Designerin und Autorin zu Themen aus dem Bereich Typografie. Sie verfasste mehrere international renommierte Bücher. Sie ist Professorin an der Fakultät Gestaltung der Hochschule Mannheim. An der UDK/ieB Berlin lehrt sie “Digitale Mediengestaltung”. Prof. Veruschka Götz ist Aufsichtsrat der Buena la Vista AG.
“Fixierte Gedanken” ist bei Vorwerk 8 erschienen und zu bestellen.
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Fix it!

