Jedem, der wie ich selbst mal Betriebswirtschaft studiert hat (und das sind viele), empfehle ich die aktuelle Ausgabe des brand eins Magazins. Dort wird gefragt: “Was kann man eigentlich, wenn man Betriebswirtschaft studiert hat?” Kenner, Könner und Zweifler geben darin Ihre Antworten. Von “Nichts” bis “BWL eignet sich gut, um Verwaltung aufzumischen” spannt sich ein breiter Bogen über Nutzen, Sinn und Unsinn der BWL.
Ich picke mir aus dem Beitrag mal einen vermeintlichen Widerspruch zwischen zwei Zitaten heraus, der für Unternehmer, Führungskräfte und Kreative gleichermaßen relevant ist. Götz Werner, Gründer der Drogeriekette dm, behauptet:
“Zukunftsorientiertes Management muss der Wahrnehmung und nicht der Vorstellung folgen.”
Dem steht wie ich meine folgendes Zitat von Prof. Franz Liebl konträr gegenüber:
“Zu sehr fokussiert sich die BWL auf das, was es schon gibt – während sich Unternehmer vor allem mit dem beschäftigen müssen, was es noch nicht gibt.”
WAHRNEHMEN und VORSTELLEN – für mich gehören beide Fähigkeiten zusammen. Sie sind Teil des kreativen Prozesses. Wenn man Kreativität definiert mit der neuartigen Verknüpfung von bereits bekannten Komponenten wird diese gegenseitige Abhängigkeit deutlich. Wir brauchen die aufmerksame Wahrnehmung um daraus Vorstellungen bzw. Ideen zu stricken. Eine für meinen Job wesentliche Erkenntnis, die ich erst Jahre nach dem Examen lernen durfte. Der BWL, zumindest in Deutschland, fehlt meist der integrierte und inderdisziplinäre Ansatz. Zwei Zitate aus dem brand eins Artikel verstärken diesen Eindruck:
“Der deutsche Student kann sein Studium gut abschließen, wenn er sich in sein stilles Kämmerlein zurückzieht … Wie man in einem Team agiert oder Leute überzeugt, muss man in Deutschland in der Praxis lernen.”
“Leute die auswendig lernen können, haben einen großen Vorteil im BWL-Studium.”
BWL ist für mich nur zum Teil eine Wissenschaft. Oft sind die Fakultäten bestenfalls höhere Berufsschulen. Im schlechtesten Fall lernt die Studiernden das Falsche. Wirtschaft wird in der Wirtschaft gemacht! Praxis geht vor Theorie.

In Bezug auf das “stille Kämmerlein”-Zitat habe ich neulich interessanterweise genau das Gegenteil in einem Artikel über die aktuellen Börsenturbulenzen gelesen. Dort wurde bemängelt, dass die Absolventen der hochgelobten US-amerikanischen Wirtschaftsunis zwar das überzeugende Präsentieren bis zum Umfallen eingetrichtert bekommen und üben, dass es jedoch andererseits genau an den Fähigkeiten hapert, für die man ein “stilles Kämmerlein” benötigt. Mit Sicherheit sind das beides Extremmeinungen, doch etwas Wahres ist wohl schon dran.