
Peking ist eine einzige Baustelle. Olympia ist allgegenwärtig. Auf den ersten Blick hatte ich den Eindruck, dass für die Olympischen Spiele 2008 eine gigantische Stadt gebaut wird. Schaut man genauer hin, erkennt man hinter der Bauwut einen Wirtschaftsboom, der unzählige Hochhäuser in den Himmel schießen lässt. Diese Mega-Immobilien werden für Büros, Hotelzimmer, Wohnungen und Amtsstuben planlos aus dem Boden gestampft. Olympia ist für die ehemalige Kaiserstadt und das aktuelle politische Zentrum Chinas ein adäquates Medium, um der ganzen Welt zu zeigen, dass Beijing zur Boomtown geworden ist, die nicht nur sportliche Höchstleistungen zu bieten hat. Ergebnis des Entwicklungswahns: eine Stadt, die aus einer Mischung von sozialistischem Plattenbau und moderner Architektur besteht und ein fad schmeckender Cocktail aus Sofia, Los Angeles und Berlin-Mitte ist. Dennoch: Das bautechnische Gesamtkunstwerk Beijing 2007 wirkt auf mich unbunt und seelenlos.

Ganz andere Emotionen weckt das Olympic Green, die Baustelle für die olympischen Wettkampfstätten.
In meinen Augen ist das Olympiastadion „Vogelnest“ konzeptionell und architektonisch ein großer Wurf. Den Architekten ist es gelungen, die chinesische Philosophie des kaiserlichen Gigantismus mit der Funktionalität eines modernen Massen-Meeting-Points zu verbinden. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind so verflochten, dass dieses Sportstadion ein zeitloses Wahrzeichen für Peking werden kann.

Das symbolhafte Architekturkonzept wird mit dem Schwimmstadion in Form eines Wasserwürfels sowie die zentrale Sporthalle, die an einen chinesischen Fächer erinnern soll, weitergeführt.
Das ganze Gelände des Olympic Greens liegt auf der zentralen Nord-Süd-Achse, auf der schon zu Kaiserzeiten die wichtigsten Gebäude wie auf einer Perlenkette aufgereiht waren.
Natürlich ist es auch kein Zufall, dass das Olympic Green 8 Kilometer vom Tor des Himmlischen Friedens entfernt liegt. Die 8 ist eine Glückszahl in China, weil sie homophon zu den Begriffen Glück und Reichtum ist. Deshalb müssen die Spiele trotz Hitze, hoher Regenwahrscheinlichkeit und Smoggefahr am 08.08.08 eröffnet werden.
Für Olympia haben sich die Planer auf die Geschichte, die Mystik, den Aberglauben und die Philosophie der 3000 Jahre alten Stadt berufen. Bei der aktuellen Stadtentwicklung außerhalb des Olympic Greens scheint ihnen das alles ziemlich egal zu sein. Der Preis des Baubooms ist hoch: Vor allem die Hutongs und das alte Peking wird systematisch dem Erdboden gleichgemacht.
Die letzten Hutongs liegen um die verbotene Stadt. Um den himmlischen Frieden nicht zu stören, durfte im alten kaiserlichen Peking kein Gebäude höher sein als der Kaiserpalast. Heute versuchen die modernen Hutongs in Form von Wolkenkratzern, den heiligen Himmel zu berühren.
Wie beim Bau des Kaiserpalastes sind es heute Wanderarbeiter, die den Baubetrieb in der Stadt 24 Stunden rund um die Uhr am Laufen halten. Ob es zehntausend, hunderttausend oder gar millionen Menschen sind, hängt von den Informationsquellen ab. Die Arbeiter aus den Provinzen wohnen jedenfalls alle direkt an der Baustelle. Ihre Wohn-Container erinnern an Sklavenhaltung.
Lkw´s liefern nur nachts die Baustoffe an, damit tagsüber der Pkw-Verkehr überhaupt eine Chance auf einigermaßen freie Fahrt hat. Die Geschwindigkeit des Wandels zeigt sich auch in den chronisch verstopften Straßen Pekings. Täglich sollen in der Stadt 1.000 Autos zu den über drei Millionen schon vorhandenen dazu kommen.

Innerhalb kurzer Zeit wurde in Peking das Fahrrad durch das Auto ersetzt. Aus der sozialistischen Mangelwirtschaft wurde Boomtown, weswegen einstöckige Hutongs für Wolkenkratzer Platz machen mussten.
Olympia soll der Welt zeigen, das aus der 3000 Jahre alten Kaiserstadt in etwas mehr als 20 Jahren eine gigantische Wirtschaftsmetropole geworden ist. Ich persönlich glaube, dass Peking auch nach 2008 eine Baustelle bleibt.
Wollen wir hoffen, dass das moderne Beijing auf der Jagd nach Reichtum nicht vom Glück verlassen wird. Darauf müssen die Hauptstadtchinesen 8 geben!


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