
Auf der Startseite von HORIZONT.NET lese ich heute unter der Rubrik marketing und marken “Sony treibt es für Bravia noch bunter”. Dieses Thema ist doch bereits vor Wochen (Monaten?) durch die Blogosphäre gereicht worden. Da stellt sich mir die Frage, wie aktuell ist denn heute noch eine Fachzeitschrift, wenn sie selbst online hinterher hinkt? Was können Fachzeitschriften in Zukunft leisten: Aktualität, Hintergrund, Werbemedium …? Gibt es überhaupt eine Zukunft für die gedruckte Fachpresse? Was meint Ihr?
Nachtrag von Patrick Breitenbach:
Vielleicht hilft diese Grafik die Diskussion ein wenig anzukurbeln.

Wobei man leicht in Versuchung gerät, Äpfel mit Birnen zu vergleichen.


[...] Wenn ich heute schon ziemlich eigennützig bin, dann aber richtig: Wie sieht es um die Zukunft der Fachzeitschriften aus? Ist das Web eine Bedrohung oder ist die “Winzszene” Blogosphäre eine unbedrohliche Spielerei, trotz erheblicher Geschwindigkeit von News? [...]
Ach, ich denke, dass das Lesen am Bildchirm oder am PDA auch in zehn Jahren noch umständlich und anstrengend ist. Die Magazine müssen ihre “Aktuelles”-Seiten halt weglassen und ins Netz verlagern. Dafür können Sie mit schön layouteten, gut lesbaren, größeren Features wie Reportagen, Produkt-Tests und Tutorials und so weiter punkten, die keinen tagesaktuellen Charakter besitzen. Alles, was auch noch zwei oder vier Wochen später interessant ist, möchte man doch lieber auf Papier lesen. Oder als Podcast hören …. ;-)
Heute im Wirtschaftsteil meiner Tageszeitung (MainPost Nr. 241, S. 17): Vogel-Business-Medien startet das erste ihrer neuartigen Online-Potalen http://www.maschinenmarkt.vogel.de
1. Webseiten, die dem veränderten Inforamtions- und Werbeverhalten Rechnung tragen
2. Entscheider erhalten Inhalte mit hohem Nutzwert für ihren individuellen Bedarf
3. verbesserte Werbeerfolgsmessung
Der Vorsitzende der GL wird zitiert: “Wir treiben mit unseren neuen Portalen den digitalen Wandel in der Fachpresse voran…” Wenn dann auch noch 150 zusätzliche, neue Arbeitsplätze entstehen sollen, dann sind das gute Nachrichten für die Fachpresse und den Arbeitsmarkt.
Was bitte ist daran neuartig?
Wenn man unter die Haube des Internetauftrittes schaut, bekommt man als Verfechter von Webstandards die große Krise. Kein standardkonformer Programmiercode (119 Fehler werden mir im Validator angezeigt), damit schwerer von Maschinen wie Suchmaschinen zu erfassen und für die Browser der Zukunft möglicherweise unbrauchbar. Kein sofort zugänglicher RSS-Feed oder sonstigen wirklichen Mehrwert den mir das Portal im Vergleich zu anderen bieten könnte. Wo ist das Community Mangament? Was macht das Portal besser als die Printpublikation. Altes Web in mittelalten Schläuchen würde ich mal behaupten.
Und das ist auch schon das Problem mancher Presseberichterstattung. Wirkliches Know-How und entsprechende kritische Stellungnahmen vermisse ich sehr oft. Kritik kann sowohl als Meckern aber auch als Verbesserungsvorschläge wahrgenommen werden. Ich wähle immer zweiteres und dafür liebe ich viele Blogs. Hart, roh, Fachwissen, oft ehrlich und sehr inspirierend.
Übrigens wenn wir dieses Webportal im Netz unter den Experten zur Diskussion stellen würden. Uih, uih, uih! Da möchte ich nicht der Web-Entwickler sein.
@Gerrit: Ich denke ersetzbar ist das Printmedium nicht. Aber gehörig erweiterbar. Du hast es ja schon angedeutet. Nicht nur Zielgruppen lösen sich im Nichts auf sondern auch die alten Mediennutzungsgewohnheiten. So kann ich viele Inhalte besser im Audioformat wahrnehmen. Manche Artikel lese ich abends lieber im Bett, die aktuellsten internationalen News und Meinungen hole ich mir im Netz und abends lass ich mich von der Glotze berieseln. Ein anderer hingegen ist dauernd unterwegs und will alles auf seinem Handy usw. Die Medienwelten müssen sich verknüpfen. Books-on-demand finde ich z.B. ziemlich genial. Wieso nicht auch für manche Magazine ode Fachpublikationen? Fachartikel im Podcastformat zum hören für unterwegs und und und. Wir haben die Technik, nun sollten wir anfangen sie auch zu benutzen.
Ich meine, dass es vielen Leuten egal ist ob sie etwas auf Papier oder am Bildschirm lesen (oder über ihren mp3 player hören) – die viel relevantere Frage ist ‘Habe ich die Zeit das überhaupt zu lesen’ und habe ich es ‘verfügbar’ wenn die Zeit da ist. Ein Praxisbeispiel:
… das Handelsblatt ist überrascht, das ihr Zertifikate Newsletter (PDF) von 60 % exklusive und von 16 % auch direkt am Bildschirm gelesen (bzw. rezipiert) wird
http://hemartin.blogspot.com/2.....nicht.html
Zum Thema passend, liegt heute die Wirkungs-Analyse Fachmedien 2006 von der Deutschen Fachpresse in der Post. http://www.deutsche-fachpresse...../2171.aspx
Die Ergebnisse drehen sich um
1. Nutzung von Fachzeitschriften nach Etablierung des Internet
2. Informationsmehrwert, Entscheidungshilfe
3. Fachverlage werden zu crossmedialen Medienanbietern in der b2b-Kommunikation
Meine Meinung ist, dass es die klassischen Fachzeitschriften in Zukunft sehr schwer haben werden gegen das aktuelle Informationsangebot, die Vielfalt und die Dialogfunktion des Web´s durchzusetzen. Web 2.0 wird den herkömmlichen Fachverlagen das Leben schwer machen. Wenn sie erfolgreich mitspielen wollen, dann werden sie sich technisch und inhaltlich gut aufstellen und ihre Community-Kompetenz verbessern müssen.
Die o.a. Studie verharmlost diese Anforderung meiner Meinung nach.
Zu Dieter Schneiders Nr. 3:
Wenn ich die Studie richtig interpretiere, dann haben Fachzeitschriften das Potenzial in dieser Medien- und Service-Welt Ihre Leser / Nutzer zu begleiten. Betrachtet man (selbst in dieser Studie) was die ‘Entscheider’ so nutzen (und nützlich halten) stellt man fest, dass Onlineangebote von Fachzeitschriften in den anderen Kategorien auf unterdurchschnittliche Nutzungswerte kommt.
Und das Ganze ist keine ‘Boshaftigkeit der bekennenden Fachzeitschriftenleser’ sondern ergibt sich schlicht aus dem dünnen (und nachhinkendem) Angebot.
Eine Rolle als nur Medienanbietern, wird den Lesern/Usern-Erwartungen (Wünschen und Bedürfnissen) und Chancen von Fach-Service-Dienstleistern nicht annähernd gerecht.
Sie haben für die Gegenwart Recht! Die Studie kann ja auch nur das Nutzungsverhalten bis heute abbilden. Mich interessiert die Zukunft der Fachpresse: Wie wird die Rolllenverteilung Online/Offline sein? Wer wird in welchen Bereichen zu den Gewinnern/bzw. Verlieren zählen? Daher bezieht sich meine Argumentation auf die Zukunft. Wie sehen Sie z.B. die Rollenverteilung Online/Offline für die Fachpresse in 10 Jahren?
11. September 2001. Hurrikan Katrina über New Orleans. Wir sind Papst. Die Jahrhundertflut. Susanne Osthoff. Anpfiff zur WM. Hiroshima. Gladbeck. – Bilder im Kopf. Viele Zeitschriftentitel, an denen wir “hängenbleiben”, wenn wir am Samstag Lottoscheine abgeben oder auf “Zahlung erfolgt” an der Tanke warten. Schon mal jemanden gesehen, der völlig fasziniert an einem Computer hängengeblieben ist? Die Macht des gedruckten Bildes – unscharf, brutal real, wie selbst geschossen – nicht zu toppen vom Bild-Schirm, der meist ein Textschirm ist, wenn wir wirklich in die Tiefe lesen wollen. Viel Information gibts da, sicher, aus aller Herren Länder just in time. Aber wie zeig ichs anderen, was mich berührt? Wo leg ichs hin, wie sammle ichs? Wie lass ich ein Jahr in Bildern Revue passieren ohne Zeitschrift? Wie riechen frische Online-News? So gut wie der STERN? Und selbst: Wie werfe ich ein für allemal weg, was ich nicht mehr brauche? Wie entsorgt man demonstrativ Online-Müll? Das ist das eine, das Sensorische, das Papier, das man blättern kann oder rausreißen und aufheben oder falten, knicken, archivieren. Und die Aktualität der Zeitschrift? Nee, klar, nichts ist schneller wie die Radio- und TV-Nachricht. Und nichts durchwühlt das Universum so schnell nach allem – Aktualität und Historie, Wissenschaft und Dampfplauderei – wie das Web. Aber – hallo?????? Irgendjemand da draußen, der noch GEO-Hefte sammelt, Postits in Autozeitschriften klebt, Haus und Garten auf dem Klo hat, Wirtschaftswochen vertextmarkert oder die “Chemische Rundschau” als Sichtschutz im ICE-Großraumwagen zum Tagträumen nutzt? Und außerdem: Zwar kann ich keinen Dialog mit meiner aktuellen Ausgabe von CUT führen. Aber manchmal ist es auch ganz schön, allein zu sein.
Ja, unterschreibe ich alles!!! Aber gilt das auch für W&V und Horizont? Wenn ich online aktueller und schneller bin, kann ich mir dann diese nicht sparen und dafür GEO-Hefte sammeln?
@Susanne. Diese Macht der Bilder geht momentan noch verstärkt vom TV aus. Fußball-WM, 9/11 und auch die anderen von dir angesprochenen Themen waren durch das Bewegtbild so mächtig. Ich denke da wurde bereits kräftig am Print gegraben. Das Internet bietet die Möglichkeit noch tiefer in diese Bildwelten einzutauchen. Ich kann mir Filme, Bilder so oft anschauen wie ich es für nötig halte. Dadurch wird es vielfältiger intensiver, aber klar es ist auch viel Müll auszusortieren.
@Dieter:
Die W&V und Horizont hat glaube ich ein ganz anderes Problem und zwar nicht die Schnelligkeit, sondern der Gehalt von Nachrichten. Klar können Onlinepublikationen schneller sein, müssen sie aber nicht. Übrigens fände ich es für Fachmagazine interessanter im Printbereich ihre Themen eher zu vertiefen als auf “aktuell” zu spielen. Brand Eins macht das ziemlich gut, weiß aber nicht wie erfolgreich die dadurch sind. Meine Meinung: Im Print mehr Tiefe & Qualität und im Web mehr Aktualität & Interaktivität.
@Hugo E.Martin:
Der Nutzungswert von Onlinepublikationen richtet sich auch nach Struktur, Inhalt und Bedienbarkeit. Da sehen viele gerne weg und beschuldigen allgemein das Medium Internet wenn es um schwache Nutzerzahlen ihres Angebotes geht. Viel investieren, viel rausholen.
@Dieter Schneider. Natürlich ist man(n) online immer schneller. Aber das ist ja genau die Krux: Wir definieren heute den Wert von Informationen ausschließlich über Schnelligkeit. Wie schnell weiß ich was? Das ist sicher wichtig fürs Pentagon. Oder für Lokaljournalisten. Aber für Werber? Was passiert (außer bei Stellenangeboten), wenn ich die w&v eine Woche zeitversetzt lese? Verpasse ich dann einen wichtigen Trend, verschlafe ich eine wichtige mediale Entwicklung, fehlt mir was? Papier ist Papier und ursprünglichst Träger einer Botschaft, nicht zwangläufig einer aktuellen. Jawohl, Patrick, das seh ich wie du: Gedrucktes kann, soll und muss in die qualitative Tiefe gehen – Gesendetes kann, soll und muss extremst up to date sein. Horizont und w&v: Verdichtet und vertieft und verbohrt euch doch mal mehr, statt euch (gegenseitig) zu hetzen. So SCHNELL ändert sich die Werbewelt ja auch nicht, wenn wir ehrlich sind. Werdet “dicht” und intensiv, statt überall ein bisschen! Vielleicht werdet ihr dann auch an Werbefachschulen mal Pflichtlektüre.
Patrick Breitenbach,
da Struktur, Inhalt, ‘Bedienbarkeit’, Verfügbarkeit, etc. für alle Medien mitbestimmend sind, kann man das in dieser Diskussion auch Mal vernachlässigen.
Es geht m.E. auch nicht um ‘viel oder wenig’ investieren und rausholen, sondern darum ob ein Angebot relevant ist und Nutzen schafft. Die Angebote müssen eben vom Anwender / Nutzer her als attraktiv eingeschätzt werden und nicht von der ‘Auslastung der Produktionseinheiten’ eines Verlages, einer Redaktion, einer Druckerei.
Oder anders gesagt, Verlagsangebot müssen so ‘attraktiv’ sein, dass der Nutzer sein Zeitbudget und Mindshare gerne bei seinem ‘Fachmedien-Dienstleister’ ausweitet.
Dieter Schneider,
wer weiß schon, wie es in 10 Jahre aussieht (schauen Sie nur einmal 10 Jahre zurück!). Ich würde sagen, dass Verlage sich darauf einstellen sollten in 2016 nur 1/3 ihres Umsatzes im Print zu machen (mit kleinen Einbußen zum heutigen Umsatz) und das Wachstum aus 1/3 Internet / Mobil und 1/3 Services und p2p zu generieren.
Wenn je nach Branche und Wettbewerb in einem der Bereiche mehr geht, kein Problem … darauf kann man sich einstellen. Wer sich der Herausforderung nicht stellt lebt von der Substanz …
Fachmedienentwicklung: Horizont & wuv 2001 – 2005
und das noch ohne Berücksichtigung der Preisentwicklung
http://hemartin.blogspot.com/2.....edien.html
@ Hugo E. Martin: Danke für den Link und die Prognose. Das ist keine leichte Aufgabe für das Verlagsmanagement. Z.B. die Frage: “Investieren wir in neue Druckmaschinen oder Web/Mobil?” Das eine ist Hardware, das andere ist von Menpower geprägt sein. Strategisch wird man sich für “sowohl als auch” und/oder “entweder oder” aufstellen. Es bleibt abzuwarten und spannend.
Diese Frage läßt sich vergleichsweise einfach beantworten: Desintegration – ‘Verlag’ investieren nicht (mehr) in Druckmaschinen, es sei denn sie sind, sie wollen ein Druck-Service Unternehmen sein oder werden … das ist dann aber eine Sache der ‘Eigner’ und nicht des Verlages.
(Verlage sollten / brauchen m.E. auch nicht in Web/Mobil, sondern in ihr Klientel ‘investierieren’ …
@Hugo E.Martin:
Eine Investition in Web/Mobil ist soch auch immer gleichzeitig eine Investition in ihr Klientel. Also ich sehe da keine Trennung.
Wie könnte denn Ihrer Ansicht nach Investition in Klientel aussehen?
Übrigens kann ein Angebot auch erst durch entsprechende technische Veränderungen relevanter und attraktiver werden. Daher bleibe ich fest bei meinem Standpunkt, dass hohe Benutzerfreundlichkeit, bessere Filter und technische Communitytools einen erheblichen Mehrwert für bestimmte Fachpublikationen bringen würde. Diese Tools bieten auch die Möglichkeit einer Intensivierung von Printinhalten, das das Internet wesentlich mehr Raum zu bieten hat, als mehrere Druckbögen.
Das dies für alle Medien gilt, ist klar, nur komisch, dass sich Fachverlage davon teilweise immer ausklammern möchten.
Wer z.B. heute nichts von diesem Filter-Tool http://scholar.google.de/ weiß, wird bald Anschlussprobleme bekommen.
Scheint doch ein komplexes Thema zu sein: Technik, Tools, Nutzungs- bzw. Userverhalten, Comunity und Content managen … War schon immer so? Aber im Web/Mobil (und was da noch alles kommt!) wird´s eine echte Management-Herausforderung. Ich glaube, dass sich die User in Zukunft vor allem in den Fachmedien ganz stark selbt mit einbringen werden, Stichwort “User Generated Content”. Also mehr mit dem Nutzer arbeiten als nur für ihn? Wobei darin ein Widerspruch steckt: Wenn ich in Zukunft mit ihm arbeite, arbeite ich für ihn…
@Patrick Breitenbach
Ich wollte an Ihrem Standpunkt überhaupt nicht rütteln – warum auch. Alles Faktoren die helfen können den Nutzwert zu erhöhen, wenn sie in die richtige Richtung arbeiten. (Meine chinesischen Freunde sagen immer: Es gibt keine falschen ‚Means’, aber manchmal arbeiten die (richtigen) ‚Means’ in die falsche Richtung).
Wahrscheinlich hätten Sie auch gar nichts dagegen, wenn sich Verlage / Fachverlage mehr um ihre Kunden und deren Wünsche kümmern würden und sich dann der besten, verfügbaren Technologie bedienen, die auf dem Markt angeboten wird (und natürlich mit ihrer Hilfe).
Entspricht die Technologie dann nicht den Anforderungen, darfs auch schon Mal eine Technology-Joint Venture sein …
Auch wenn ich wahrscheinlich ein paar Jahre zu viel Printerfahrungen auf dem Buckel habe, ich plädiere dafür ‘Printinhalte’ in ‘Print’ (oder Anderes) und ‘Inhalte’ zu trennen.
(Gut) Überleben werden m.E. die Verlage, dies bewusst Des-Integration betreiben und diese Herausforderung annehmen und umsetzen (bezüglich Inhalten, Vor- und Nachproduktion, Anzeigen, Distribution, Packaging, usw.
(Mehr vielleicht demnächst, bei einem Schoppen in Würzburg …)
@Hugo E. Martin
Ich lade Sie sehr herzlich zu unserer Veranstaltung “Marketing im Web 2.0″ am 16.11.2008, ab 18.00 Uhr im VCC (Vogel-Convention-Center) ein.