
In der Blogdiplomatie hatte ich ja einen Bereich für erfolgreiche Unternehmensblogs eröffnet. Dort befragte ich die entsprechenden Verantwortlichen der Projekte. Diese Rubrik möchte ich natürlich sehr gerne hier fortsetzen. Die E-Mail von Kirstin Walther und Jörg Holzmüller lag zu meiner Schande etwas verschüttet im Posteingang herum. Da ich nun aber auf dem Barcamp Berlin die Session “Getting Things Done” besucht habe, dachte ich mir, ich mache mal reinen Tisch in meinem E-Mail-Wust. Die Befragung ist daher schon etwas älter (August 2006) dennoch nicht weniger interessant für heute.
Blogname:
Saftblog
Unternehmen:
Kelterei Walther GmbH & Co. KG
Eckdaten Unternehmen:
ca. 15 Mitarbeiter, Jahresumsatz ca. 1,6 Mio. (2005) – nur wenn gewünscht – mehrere tausend registrierte Kunden
Eckdaten Blog:
4-6 Autoren (Anzahl)
Blogsoftware:
b2evolution (eigener Server -nein) Blog besteht seit 19.01.2006
Zahlen:
Tägliche durchschnittliche Besucherzahl ca. 800 Visits pro Werktag
Technorati-Ranking am 15.8.2006: 43,183 (261 links from 61 blogs)
Art des Blogs:
Keine Ahnung. Unser Motto: Schauen Sie hinter die Kulissen der Kelterei.
Postingfrequenz:
Durchschnittlich 2,5 Beiträge pro Werktag
Eigenbeschreibung:
Früher war alles viel besser. Früher stand der Chef noch auf dem Hof und unterhielt sich mit seinen Kunden.
Viele kannte er sogar mit Namen. Und im Gespräch wurden Kritik, Anregungen und auch Lob unmittelbar ausgetauscht. Heute führt man kein Gespräch mehr mit seinen Kunden, sondern ist mit Ihnen im Dialog, wie es neudeutsch heißt. Aber besser im Dialog, als gar nicht mehr im Gespräch. Mit dem Weblog wollen wir noch mehr Menschen am Leben und Arbeiten in der Kelterei Walther teilnehmen lassen. Auch wenn ein Weblog den persönlichen Kontakt nicht ersetzen kann, ist es der einfachste und direkteste Weg, mit der Geschäftsführung und dem Team der Walther’s zu kommunizieren oder Meinungen, Erfahrungen und Wissenswertes untereinander auszutauschen. Wir freuen uns auf ein neues Gespräch mit Ihnen! (Jörg)
Zeitinvestition in Stunden pro Werktag:
Durchschnittl. 1-2 Stunden
Patrick Breitenbach:
Wie kam es zum Saftblog? Wer hatte die Idee, durch wieviele Instanzen musste man sich kämpfen bis das Okay gegeben wurde. Wieviel Überzeugungsarbeit war nötig, was waren die schlagenden Argumente für ein Blog (evtl. leuchtendes Vorbild)
Saftblog:
Ich zitiere hier mal einen Kommentar bei Martina Kausch von mir (Kirstin Walther): Im März 2004 sagte ein Bekannter (Martin Roell) meines Geschäftspartners, daß wir doch ein Weblog einrichten sollen. Ein WAS? – war unsere erste Reaktion. Er veröffentlichte daraufhin einen Eintrag in seinem Weblog, wofür er einen Kasten Saft erhielt, den er sozusagen virtuell verkostete. Uns wunderte es schon, wieso plötzlich einer unserer Kunden in Wilhelmshaven einen Kommentar schrieb, und woher er von dem Eintrag wußte. Wir kauften zwei Bücher über Weblogs und verstanden doch nur Bahnhof. Diese Sache landete in der Schublade, bis ich im Sommer 2005 mal eine Information erhielt, daß Frosta einen Blog hat und schaute mich da um und fand die Sache supergut. Aber bitte beachten: Wir sind eine ganz kleine Firma mit 15 – 20 Mitarbeitern und vor zwei Jahren waren wir noch nicht mal in unserer Region besonders bekannt. Ich sag das nur, weil viele Leser denken wir wären eine Riesenfirma, bloß weil wir ein Blog haben. Und jetzt wird in der Zeit über uns geschrieben. Der absolute Wahnsinn. Aber das nur am Rande!
Wir besorgten uns dann schnell eine Blog-Software und ließen das Design anpassen. Es vergingen wieder einige Monate (bis Januar 2006) bis ich dann den ersten Eintrag schrieb. Und bitte nicht lachen: Erst dann, als andere Blogs darauf verwiesen, verstand ich langsam, wie der Hase läuft und tat in den ersten Wochen eigentlich fast nichts anderes, als andere Blogs zu lesen und herauszufinden, wie man Leser bekommen kann.
Jetzt wird es spannend: Am 27. Januar wäre das Blog fast vom Netz genommen worden. Warum: Ich hatte einen Eintrag geschrieben, daß wir unsere Kartons verkleinern müssen, weil die Saftbeutel beim Transport zu viel Spiel hatten und sich so aufscheuerten und ausliefen. Garniert mit einem Foto, von einem völlig zerstörten und zermatschten Versandkarton mit Saftboxen.
Mein Geschäftspartner, der Marketing studierte vor einigen Jahren (ich nicht), war sehr ungehalten. Er war der Meinung, daß ich einen fatalen Fehler gemacht hätte und daß jeder weiß, daß man sich nach außen hin immer von seiner besten Seite zeigen muß. Und um Gottes Willen könnte man nicht so ein Foto veröffentlichen. Und jetzt ist Schluß, weil der Blog geschäftsschädigend wäre. Hmmm… Ich sagte ihm, daß mir wichtig ist, daß der Blog authentisch ist, und das doch jeder weiß, daß auch Unternehmer nur Menschen sind, die natürlich Fehler machen wie jeder andere. Und ich sagte ihm immer wieder, daß der Blog für mich nichts anderes ist, als eine Art Dialogersatz mit Leuten, die eben 500 km entfernt sind und nicht hier vor Ort. Wenn ich mich mit Kunden unterhalte, dann wäre es für die ziemlich langweilig, wenn ich immer nur sagen würde: Wir sind so toll und ach sind wir toll und wir sind die Tollsten überhaupt. Man redet über alles mögliche. Gott und die Welt, über Erfolg und über Rückschläge. Und das ist auch mein (und inzwischen unser) Konzept für das Blog und so wie es aussieht ist es gut.
Außerdem ist es für uns ein Problemlöser. Da Verbraucher immer kritischer werden, vorallem im Lebensmittelsektor, bekamen wir immer viele Email-Anfragen. Was ist wo drin, woher kommen die Früchte, die sie verarbeiten, kann mein Baby den Saft schon trinken usw. Jede Email wurde von uns (GF) persönlich ausführlich und sofort beantwortet und das wurde entsprechend honoriert (durch Käufe). Jetzt schreiben wir Weblog-Einträge und viele Menschen bekommen ihre Fragen beantwortet. Unter dem Aspekt betrachtet, haben wir eigentlich Zeit eingespart.
Natürlich kann man nicht alles schreiben, was man möchte. Zum Beispiel Dinge, die der Wettbewerb nicht wissen sollte usw. Aber ich kann nur sagen, es macht einen Riesen-Spaß über das Weblog mit Kunden und Interessenten zu kommunizieren und nebenbei verdient man auch noch mehr Geld, weil die Umsätze steigen. Manchmal glaube ich schon, daß sich ein Blog für jedes Unternehmen eignet. Voraussetzung: Lust am Dialog mit den Kunden und überhaupt. Was guten Kundendialog angeht gibt es in Deutschland mE schon noch jede Menge Nachholbedarf bzw. Potential.
Ein Konzept gibt es bei uns nicht. Viele glauben das nicht, aber es ist so. Jeder schreibt was er möchte und wann er es möchte. Wenn uns Geschäftsführern mal der Eintrag oder Kommentar eines Mitarbeiters zu weit geht, diskutieren wir das direkt im Blog aus.
Patrick Breitenbach:
Wie waren die Anfänge des Blogs? War es eher zäh oder haben sich schnelle Erfolge eingestellt? Was habt ihr besonderes beobachtet oder wahrgenommen, wie wurdet ihr aufgenommen? Habt ihr Werbung für euer Blog gemacht?
Saftblog:
Wir bewerteten die Anfänge als zäh, rechneten mit mehr Besuchern. Inzwischen glauben wir, daß es ein Riesenerfolg ist innerhalb eines halben Jahres Besucherzahlen von 50 pro Tag auf 800 pro Tag zu steigern. Und wir haben anhand der Leser gelernt, was man schreiben sollte, was die Leser wissen wollen und haben natürlich auch danach gefragt. So hat sich alles von selbst entwickelt, WEIL man im Gespräch mit den Lesern sind.
Werbung haben wir indirekt gemacht – mit PR-Anzeigen auf der SZ-Online, in Form von Teasern mit Bild, die mit dem Blog verlinkt waren.
Patrick Breitenbach:
Was sind die klaren Ziele eures Blogs?
Saftblog:
Besser verkaufen!
Patrick Breitenbach:
Was sollte ein Unternehmen beachten, wenn es bloggen möchte, habt ihr nützliche Tipps?
Saftblog:
Lust am Dialog mit dem Kunden!!! Man muß den Gewinn erkennen, den der direkte Kontakt mit dem Kunden/Interessenten bringt. Auch bereit sein, Dinge zu ändern. Die wenigsten Kunden beschweren sich, weil sie KEIN Interesse an den Produkten bzw. dem Unternehmen haben, sondern weil das Gegenteil der Fall ist.
Patrick Breitenbach:
Gab es Situationen die nicht so liefen, wie man sich das gedacht hat, z.B. negative Reaktionen von außen und innen, habt ihr da ein Beispiel?
Saftblog:
Wie im wirklichen Leben muß man auch beim Bloggen mit Kritik umgehen können.
Wenn man wie wir eine so tolle Leserschaft hat, wird das direkt erledigt, bevor wir uns einschalten können.
Leute von innen und außen halten uns manchmal schon für Spinner, nachdem sie in unser Weblog reingeschaut haben. ;o)
Patrick Breitenbach:
Was macht für euch den Reiz des Gemeinschaftsblog aus?
Saftblog:
Es ist nicht der Reiz eines Gemeinschaftsblogs. Es ist der Reiz mit Menschen (Kunden) in allen Teilen der Welt schnell und unkompliziert zu kommunizieren und Nutzen daraus zu ziehen, wenn man sich für die Meinungen der Leser interessiert.
Patrick Breitenbach:
Sind Corporate Blogs für alle Unternehmen geeignet? Was sollten Unternehmen vorher beachten?
Saftblog:
Kundendialog ist uE für jedes Unternehmen von allerhöchster Priorität. Siehe auch Cluetrain-Manifest. Eine Blogsoftware unterstützt dabei.
Patrick Breitenbach:
Wie wirkt sich das Blog auf die restlichen Mitarbeiter aus, wie ist die Resonanz?
Saftblog:
Alle finden es gut und originell. Es wird inzwischen auch über das Blog kommuniziert, z.B. wenn jemand krank geworden ist oder Nachwuchs bekommen hat etc. Es verändert die gesamte Unternehmenskultur hin zu kundenorientierterem Denken und Handeln.
Patrick Breitenbach:
Erzeugt das Blog einen Dialog mit Kunden? Kommt man mit Kunden überhaupt in Kontakt?
Saftblog:
Nein! Kunden kommen mit dem Unternehmen in Kontakt.
Patrick Breitenbach:
Was sind für euch die wichtigsten Erfolgssignale?
Saftblog:
Daß Du bei uns angefragt hast und um Beantwortung Deiner Fragen gebeten hast. :o)
Patrick Breitenbach:
Habt ihr festgelegte Regeln, an denen ihr euch halten müsst?
Saftblog:
Nein, außer, daß Leser nicht beschimpft oder beleidigt werden.
Patrick Breitenbach:
Was hat euch und eurem Unternehmen das Blog bisher gebracht?
Saftblog:
Viel Arbeit. Viel Ehre. Viele Kunden. Viele Wiederverkäufer. Viel Aufmerksamkeit. Viel Freude. Viel Ärger. Viel Leben.
Patrick Breitenbach:
Wie sieht die Zukunft eures Blogs aus?
Saftblog:
Die Zukunft des Blogs ist der nächste Blogeintrag.
Patrick Breitenbach:
Schreibt ihr privat noch andere Blogs?
Saftblog:
Noch nicht. Aber Anfragen sind da.
Patrick Breitenbach:
Welche Blogs gefallen euch?
Saftblog:
Puuh, schwierig. Heute dies und morgen das.
Patrick Breitenbach:
Vielleicht ein abschließendes Statement der Geschäftsführung (falls sie nicht schon sowieso bloggt) nach dem Motto “Fassen Sie das Saftblog in einem Satz zusammen”.
Saftblog:
Jörg und ich sind die Geschäftsführung und auch die „Chefblogger“.
Statement: Das Blog hilft uns unser Unternehmen jeden Tag neu zu gestalten.
Patrick Breitenbach:
Ich danke euch für dieses Interview!

Stichwort authentisches Bloggen, wer mich in dieser Hinsicht wirklich beeindruckt hat, ist er hier:
http://www.kinderraeume-blog.de/
Die sind mir gestern zufällig auch über den Weg gelaufen. Ein Beitrag darüber ist in Mache.
Hi
I can’t be bothered with anything these days, but shrug. I just don’t have anything to say recently.
G’night