
“Just do it” oder auf deutsch “Einfach mal machen!” so könnte man eigentlich den Leitsatz zum Barcamp Berlin formulieren. Was ist ein Barcamp? Werden sich einige sicherlich fragen. Nun, die Idee dahinter ist eigentlich recht simpel. Es handelt sich um eine Ad-hoc-Nicht-Konferenz (engl. Un-Conference), die aus dem Bedürfnis heraus entstanden ist, dass sich Menschen in einer offenen Umgebung austauschen und voneinander lernen können. Es ist eine intensive Veranstaltung mit Diskussionen, Präsentationen, und Interaktion der Teilnehmer untereinander. Es gibt bei einem Barcamp eigentlich auch keine Zuhörer, sondern ausschließlich Teilnehmer. Jeder kann und soll sich irgendwie in die Veranstaltung einbringen. Das ursprüngliche Konzept stammt aus den USA und ihre Mitinitiatoren Tara Hunt und Chris Messina waren in Berlin ebenfalls anwesend. Tara, Chris und ich unterhielten uns kurz während der Kick-Off-Party über die Entwicklungen im Bereich Community Management, Corporate Blogs und die harte Aufgabe Unternehmen in dieser Hinsicht zu beraten. In San Francisco weht zwar noch ein etwas wärmerer Wind, dennoch hat auch Tara dort keinen leichten Job. Ein weiteres Gespräch am Freitag Abend mit Tim Bonnemann – der mittlerweile in San Jose arbeitet – ergab einen starken Mentalitätsunterschied zwischen Deutschen und Amerikanern. Viele amerikanische Investoren sind bei großartigen Ideen, trotz des großen New Economy Crashs, mittlerweile nicht mehr so scheu was Risikofreude anbelangt. Eine besonders nette Anekdote dazu: “Meine ersten drei Firmen habe ich gegen die Wand gefahren, doch die zwei danach waren wirklich super”. Man fällt, lernt, man steht auf, man fällt, lernt, man steht wieder auf. In Deutschland hat man manchmal das Geühl, als falle man und bleibt dort erstmal eine ganze Weile liegen und weint so vor sich hin, in der Erwartung, dass einem wieder hochgeholfen wird. Allerdings ist niemand da, der uns wieder hochzieht, das müssen wir schon irgendwie selber machen.
Doch zurück zum eigentlichen Konzept Barcamp. Was mich besonders begeistert hat, war der offene Austausch von durchweg kompetenten Mitmenschen, die allesamt aus eigenem Interesse und Antrieb zu der Veranstaltung (Austragungsort waren die Konferenzräume von Pixelpark und einer der Organisatoren war Sebastian Küpers) erschienen und zudem durchweg einfach nur symphatische und interessante Gesprächsteilnehmer waren. Ein also durchaus wichtiger Unterschied zu den sonst eher steifen Konferenzveranstaltungen die man allgemein so kennt. In diesem Sinne gestaltet sich auch der organisatorische Ablauf. Alles ist irgendwie im “flow”. Die einzelnen Panels (hier heißen diese “Sessions”) werden in der morgendlichen Zusammenkunft völlig spontan vorgeschlagen und zeitlich strukturiert. Wer gerne etwas über ein bestimmtes Thema hören möchte, der kann sich per Post-it auf dem Wunschboard verewigen, so finden sich Experten zu verschiedenen Themen aus dem Bereich Web 2.0. Braucht man für eine Session etwas länger als vorher zeitlich eingeplant, so besteht die Möglichkeit diese Runde bei Bedarf einfach einen Block länger zu machen. Möchte jemand unbedingt zwei parallel laufende Sessions beiwohnen, so lässt sich auch hier und da etwas verschieben. Das ganze Prinzip hört sich ziemlich chaotisch an, funktioniert aber erstaunlicherweise (auch bei über 80 Teilnehmern) sehr schnell und reibungslos. Interessant war auch die Tatsache, dass wenn es zufällig 2 oder 3 Experten zu einem Thema gab, diese dann einfach zusammen die Session gehalten haben, ohne sich zuvor überhaupt annähernd gekannt zu haben. Wieder ein Beispiel für das Einleitungscredo “Einfach mal machen”.
Ich selbst habe gemeinsam mit Martin Oetting (connectedmarketing.de) die Session “Viralmarketing im Web 2.0″ kombiniert mit “Die Zukunft der klassischen Werbung” geleitet, die am Ende zu jeder Menge Diskussion unter den Teilnehmer gesorgt hat.
Eine der Sessions, die am Ende auch in die Verlängerung gehen musste. Martin Oetting leitete die Session mit einer kurzen, allgemeinen Einführung in das Viral Marketing ein und reduzierte das altebekannte 4P-Modell des Marketing-Mixes zu diesem 3er-Modell:
Produkt, Kommunikation und Beziehungen sind seiner Ansicht nach die drei grundlegenden Elemente von Mundpropaganda. Auf dieser Basis haben wir anschließend die Blogger im Raum (ca. 90%) gefragt, was Sie von diesem Ansatz halten und inwiefern sie bereit sind, mit Unternehmen in Kontakt zu treten. Was sie von viralen Aktionen – in Form eines ARGs – wie “Philip Retingshof” oder “Hustle the Sluff” halten, wie sie Produkttests für Blogger empfinden und wie Unternehmen auf Blogger (=Menschen) zugehen können. Das Ergebnis hat mich sehr überrascht, denn ich hätte mit einer wesentlich stärkeren Abwehrhaltung gerechnet. Einzig die Journalisten im Raum stellten sich etwas auf die Hinterbeine bei dem Thema “Blogger testen Produkte”, da dies ja im Grunde Bestechungsgeschenke seien, während Journalisten bei solchen Tests die Geräte wieder zurückschicken müssen. Das stichpunktartige Ergebnis, wie sich die Blogger im Raum eine Kommunikation mit Unternehmen vorstellen, hielt Martin wiederum auf dem Flipchart fest:
Daran sieht man ganz deutlich, dass die Bereitschaft zu einer Kommunikation mit Unternehmen durchaus vorhanden ist, nur sollte dies nach gewissen, objektiv durchaus fairen Regeln stattfinden. Bezahlte Blogeinträge sind okay, solange sie als solche gekennzeichnet werden. Produkttests sind okay, gehäufte A-Blogger (also die Blogs, welche in Deutschland am populärsten sind und welche eine Gatekeeperfunktion in der Meinungsbildung innehaben) Produktests rufen Neid hervor und lassen langfristig die Glaubwürdigkeit der A-Blogger schwinden.
Ich selbst wurde übrigens gefragt, wie ich mich als “Star-Blogger” finanziere und welche Werbemodelle ich für sinnvoll betrachte. In meinem Fall (werbeblogger.de) sehe ich einen Einsatz von Bannerwerbung als nicht sinnvoll, da ich über Werbung kritisch blogge. Für mich persönlich käme eine Art Sponsoring-Modell oder Paid Content in Frage. Doch das setzt Vertrauen in meine Inhalte voraus, denn eine Kontrolle derselben durch Unternehmen käme für mich nicht in Frage. Gleichzeitig wies ich daraufhin, dass je bekannter ein Blog wird, desto höher der Druck auf die Autoren steigt, gute, viele und schnelle Inhalte zu publizieren. Das geht irgendwann nur noch mit Vollzeitbloggen. Natürlich meldete sich jemand und meinte man müsse sich ja dem Druck nicht aussetzen, ich sehe das jedoch als subjektives Empfinden und nicht unbedingt als etwas rational begründbares. Denn je mehr Beteiligung (in Form von Kommentaren), je größer die Community wird, desto höher wird auch automatisch mein Aufwand für mein Community-Management, denn ich als Blogbetreiber habe ja einen ganz bestimmten Anspruch, nämlich den Anspruch möglichst intensiv mit meiner Community in Kontakt zu stehen.
Genau aus dieser Diskussion kehrte ich noch einmal zum zweiten Ausgangsthema “Zukunft der klassischen Werbung” zurück und bemerkte den derzeitigen Zustand, dass man alte, klassische Werbeelemente am liebsten auf die Konzepte der neuen Medien aufsetzen will. Das kann jedoch zwangsläufig nicht funktionieren, denn der Trend zu neuen Medien entsteht zum Teil aus der Flucht vor der werbeverhagelten klassischen Medienwelt. Daher sollte der Aspekt “Beziehungsarbeit” in der Unternehmenskommunikation innerhalb des Web 2.0 sehr viel mehr in den Vordergrund gerückt werden. Unternehmen bzw. Marken sollten sich nicht die Frage stellen, wie sie Blogger möglichst gut vergüten können, so dass sie positiv über ihre Produkte schreiben, sondern Unternehmen sollten vielmehr erörtern, wie sie Blogger durch eigene Inhalte auf ihre Marken aufmerksam machen, wie sie einen intensiven und fairen Kontakt herstellen können. Eine Möglichkeit wäre da z.B. ein authentisches und offenes Weblog mit exklusiven Inhalten. Auch hier gilt nämlich die Devise: Weniger Push mehr Pull.
Nach unserer Session hatte ich noch kurz ein Gespräch mit Ibo dem Geschäftsführer von Sevenload. Er fragte mich, wieso ich eigentlich damals im Werbeblogger so positiv über sie gebloggt habe und das obwohl er mich gar nicht dazu aufgefordert hat. Die Antwort war recht einfach: Gutes Produkt und gutes Community Management von eurem Unternehmen. Übertragen bedeutet das übrigens auf die Offline-Unternehmen: Gutes Produkt, toller Service und eine durchweg authentische Kommunikation. Doch hier muss erst der Barcamp-Spirit greifen: Einfach mal machen!
Natürlich gab es noch viele eliche interessante Sessions, die ich in diesem Beitrag gar nicht mehr alle aufführen kann. Dazu gibt es schon einige Berichte (täglich anwachsend) von den Teilnehmern selbst. Bald wird auch noch zusätzlich Videomaterial ins Netz gestellt. Das Barcamp war inhaltlich jedenfalls so intensiv, dass ich darauf sicherlich noch sehr oft Bezug nehmen werde. Ich freue mich schon auf Dezember. Dann findet nämlich das nächste Barcamp in Nürnberg statt. Sehen wir uns?
[...] 00:00 Intro: “Einfach mal machen” 00:33 Begrüßung 01:30 Reaktionen auf unsere Xing-Offline-Geschäftsidee 03:07 Kommentare auf den letzten Barcamp-Podcast 04:00 Filmmaterial vom Barcamp? 04:48 Vorteile von Webstandards? 05:45 Barrierefreiheit als Vorteil 09:27 Barcamp-Networking 10:08 Barcampberlin: der zweite Tag 10:31 Erste Session: Getting Things Done (Hans Dorsch) 11:33 Was ist Getting Things Done? 12:47 Flickr GTD-Hype (Moleskine Pimped) 13:44 Productivity Porn 14:10 Hippster PDA 15:25 Patricks Benefit 16:15 Zweite Session: Second Life 16:45 Was ist Second Life? 17:28 Tim Keil stößt zu uns 18:39 Tims Kommentar zum letzten Podcast 19:09 Barcamp zu nerdig? 20:38 Ollis Powerbook-Lüfter startet 21:16 Hoecker, sie sind raus! 21:30 Mehr Werber zum Barcamp! 23:00 Tim verabschiedet sich 23:10 Fortsetzung: Was ist Second Life? 23:46 Zahlen zu secondlife.com 24:18 Wofür gibt man dort Geld aus? 25:30 Jobs in Second Life 26:40 Marken/Firmen in Second Life 28:20 Sinnvolle Aktivitäten in Second Life 28:58 Technik noch nicht ausgereift 29:35 Hohe Frauenquote 30:40 Dritte Session: Viral-Marketing im Web 2.0 von Martin Oetting 31:47 4/3-P Modell 32:29 Flickr-Fotos zu Flipcharts auf buenalog.de 34:16 Unternehmen & Blogger [...]
[...] Patrick Breitenbach: http://www.buenalog.de [...]
[...] Wer nicht weiß was ein Barcamp ist, sollte sich mal kurz mein Bericht zum Barcamp Berlin durchlesen. In den nächsten Beiträgen auf Buenalog möchte ich die einzelnen Sessions, die ich besucht oder geleitet habe textlich zusammenfassen. [...]